Durch die Gründung des Rates Christlicher Kirchen in Luxemburg, im Januar 1997, sollte vor allem das gemeinsam Christliche sowie das gegenseitige Zu- und Miteinander dieser Kirchen im Geist echter ökumenischer Solidarität und Weggemeinschaft lebendig und greifbar werden.
Die Vorzeit
Lange Zeit war Ökumene bei uns kein Thema. Fast die gesamte Bevölkerung bekannte sich zum katholischen Glauben. Andere christliche Konfessionen, soweit sie auf dem Territorium des Großherzogtums vertreten waren, blieben nicht nur minoritär, sie wurden aufgrund der Herkunft ihrer Mitglieder in der Regel auch im soziologischen Sinn eher als Fremdkörper in der Luxemburger Gesellschaft wahrgenommen. Denn sowohl infolge des energischen Widerstands der weltlichen Landesherren und der sorgfältigen Obhut des Klerus, nicht zuletzt der Jesuiten, als auch wegen der Anhänglichkeit der Luxemburger an die Religion der Väter und an den Marienkult hatte die Reformationsbewegung in ihrer Entstehungszeit den Kern der einheimischen Volksmassen nicht berühren können. Einzelne Bürger, die sich in jenen Tagen dennoch zum „neuen Glauben“ bekannten, wurden „hart gedrückt“ und verließen meistens das Land. Den Luxemburgern war der Verkehr mit den Protestanten untersagt.
Erst im 18. Jahrhundert sollte der Protestantismus verstärkt Eingang in die luxemburgischen Territorien finden. Dies geschah über den Weg der niederländischen Truppen, die Luxemburg zeitweilig besetzt hielten. In ihren Reihen gab es protestantische Soldaten, die aufgrund ihres Militärstatus nicht durch die Gerichtsbarkeit des Provinzialrates zur Annahme der katholischen Religion gezwungen werden konnten. In diesem Zusammenhang fanden zu Beginn des 18. Jahrhunderts erstmals evangelische Gottesdienste in Luxemburg statt.
Nach dem Wiener Kongress hat dann die Anwesenheit einer preußischen Garnison in der Festung Luxemburg zur Bildung einer dauerhaften protestantischen Gemeinde geführt. Einen großen Prestigegewinn konnte dieselbe verzeichnen, als Großherzog Adolf, der sich zum evangelischen Glauben bekannte, die Garnisonskirche zur Hofkirche erwählte und die staatliche Anerkennung der Protestantischen Kirche von Luxemburg erwirkte. Katholischerseits wurde diese Anerkennung allerdings nicht widerspruchslos hingenommen. Gerade in der Auseinandersetzung um diese Anerkennung kam es in bischöflichen Verlautbarungen und in der katholischen Tagespresse zu Äußerungen von Intoleranz und Hartherzigkeit gegenüber der protestantischen Minderheit, deren Gottesdienste als „falscher“ oder „ausländischer“ Kult dargestellt wurden. Nicht zuletzt für diese Haltungen und Aussagen hat sich die katholische Kirche neulich in ihrer Vergebungsbitte bei den evangelischen Mitchristen entschuldigt.
Der Aufbruch
Die Beziehungen zwischen Katholiken und Protestanten in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts und in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen kann man als korrektes Nebeneinander auf Distanz bezeichnen. Berührungen und somit Reibungsflächen wurden tunlichst vermieden. Im übrigen waren Geist und Herz in jenen Jahren allseits zu stark durch andere Sorgen in Anspruch genommen, als daß es zu Initiativen und Annäherungsversuchen in ökumenischer Hinsicht hätte kommen können. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, kam auch in Luxemburg Bewegung in die Beziehungen zwischen den Kirchen und Konfessionen.
An erster Stelle änderte sich die konfessionelle Landschaft. Wir haben bisher nur von Protestanten gesprochen; sie waren in der Tat bis über die Jahrhundertmitte hinaus hierzulande, wenn man von den Anhängern verschiedener Sekten einmal absieht, die einzigen nicht katholischen Christen. Dies sollte nach 1950 schlagartig anders werden. Im Zuge der Niederlassung verschiedener europäischer Behörden in unserer Hauptstadt kamen immer mehr Beamte aus konfessionell gemischten und mehrheitlich protestantischen bzw. reformierten Herkunftsländern mit ihren Familien ins Großherzogtum: Deutsche, Niederländer, später Engländer und Skandinavier. Sie schlossen sich den bestehenden protestantischen Gemeinden in Luxemburg und Esch an oder bildeten eigene Sprachgemeinden. Durch den EG-Beitritt Griechenlands erhielt auch die bereits bestehende orthodoxe Gemeinde Zuwachs und Aufschwung.
Durch die so entstandene Vielfalt von Kirchen und Gemeinden waren in gewisser Hinsicht die Voraussetzungen für Ökumene - über bilaterale Beziehungen hinaus - erst geschaffen worden. Aber auch das Klima hatte sich geändert. 1948 war der Weltrat der Kirchen gegründet worden. Er bildete zunächst den Rahmen und die Basis für einen regen Austausch und eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den Kirchen der Reformation. Doch auch die katholische Kirche konnte sich dem frischen Wind der Ökumene, der vom Weltrat ausging, nicht verschließen. Denn künftig sollten, wohl erstmals in Luxemburg, Christen verschiedenster Denominationen und Traditionen in bunter Vielfalt auf dem Arbeitsplatz oder in der Schule zusammentreffen. Ganz besonders ist in diesem Zusammenhang die Rolle der Europaschule zu erwähnen, an der seit der Gründerzeit Vertreter der verschiedenen in Luxemburg anwesenden Religionsgemeinschaften Religionsunterricht erteilen. Es dürfte nicht übertrieben sein, die Europaschule als Schmelztiegel der Ökumene in Luxemburg zu bezeichnen.
Als dann mit Johannes XXIII. und dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch die katholische Kirche auf den Weg der Ökumene einbog, war der Weg für intensivere institutionelle Kontakte zwischen allen in Luxemburg vertretenen Konfessionen frei. Eine erste Frucht dieser Öffnung war die Gründung der „Association Interconfessionelle“, die in einem kühnen Vorgriff von Anfang an auch die jüdische Religionsgemeinschaft - Israel, den edlen Ölbaum, in den wir eingepfropft wurden, die Wurzel die uns trägt (vgl. Röm 11,17f) - mit einbezogen hat, und sich heute hauptsächlich dem jüdisch-christlichen Dialog verpflichtet weiß.
Im Bereich der christlichen Kirchen kam es in der Folge zu regelmäßigen Kontakten. Jahr für Jahr wurde im Januar die Gebetswoche für die Einheit der Christen gemeinsam gefeiert. Reihum fanden in verschiedenen Kirchen der Stadt Luxemburg ökumenische Gottesdienste statt. Später kam der Weltgebetstag der Frauen hinzu. Gesprächsrunden und Konferenzen mehrten sich, unter den letzteren beachtliche Begegnungen mit hervorragenden Spezialisten der Ökumene in der Abtei Clerf. So wuchs allmählich der Wunsch, nicht nur einmal im Jahr zum gemeinsamen Gebet zusammenzutreffen, sondern sich auch besser kennen zu lernen und gemeinsame Aufgaben konsequent und kontinuierlich zusammen in die Hand zu nehmen. Damit war der Weg für einen
Rat christlicher Kirchen in Luxemburg
offen. Ein mächtiger Impuls in dieser Richtung ist von den beiden durch die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und den Rat der Bischofskonferenzen Europas (CCEE) initiierten europäischen ökumenischen Versammlungen in Basel (1989) und Graz (1997) ausgegangen. Gerade durch ihre über den kirchlichen Innenraum hinausgehende, brennend aktuelle Thematik, (Basel: Gerechtigkeit, Frieden, Schöpfungsverantworung; Graz: Versöhnung - Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens), die durch den Zusammenbruch des Kommunismus, den Fall der Berliner Mauer und die Folgeerscheinungen dieser Ereignisse noch an Dringlichkeit gewonnen hatte, erzeugten die beiden Versammlungen eine sehr starke mobilisierende Wirkung. Die gemeinsame Vorbereitung der Versammlungen, das gemeinsame Erlebnis der Teilnehmer - vornehmlich in Graz war Luxemburg durch eine besonders starke, ökumenisch zusammengesetzte Delegation vertreten - ließen über die konfessionellen Unterschiede hinweg geschwisterlich-freundschaftliche Bindungen entstehen. Ihnen ist es zu verdanken, daß an der Schwelle des neuen Jahrtausends der Boden für die Gründung eines Rates christlicher Kirchen in Luxemburg bereitet war und eine solche sich geradezu aufdrängte.
Zur offiziellen Gründung des Rates kam es, nach einigen Monaten formeller Vorbereitungsarbeit, wie sie bei solchen Einrichtungen üblich ist, im Januar 1997. Mitglieder des Rates sind die Mitgliedkirchen der Allianz der Protestantischen Kirchen im Grossherzogtum Luxemburg (die Protestantische Kirche in Luxemburg, die Protestantisch-Reformierte Kirche von Luxemburg H.B., den Danske Kirke, die evangelische Gemeinde Deutscher Sprache, die Europäisch-Protestantische Kirche Französischer Sprache und die Nederlandse Protestantse Gemeenschap); die Anglikanische Kirche in Luxemburg und die ihr verwandten Gemeinschaften; die Orthodoxe Kirche in Luxemburg; die Römisch-Katholische Kirche in Luxemburg.
Die Ziele des Rates werden in der Gründungscharta wie folgt umschrieben:
- Das gegenseitige Kennenlernen der Mitgliederkirchen zu erleichtern.
- Die Gemeinschaft (Communio), die bereits unter den Mitgliederkirchen besteht, herauszustellen und in der Treue des Rufes Christi (vgl. Joh 17,21) - eine grössere Einheit und ein glaubwürdigeres christliches Zeugnis zu fördern.
- Ein Ort des Austausches von Informationen, des Zuhörens und des Dialogs unter den Kirchen zu sein.
- Gemeinsames Nachdenken sowie gemeinsame Initiativen im dreifachen Bereich des Zeugnisses, des Dienstes und des christlichen Engagements in der Welt zu erleichtern.
- Den konziliaren Prozess für die Gerechtigkeit, den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung zu fördern.
- Vereinbarungen über Fragen von gemeinsamem Interesse auszuarbeiten - z.B. ökumenische Feiern der Trauung u.a.m.
- Die Gebetswoche für die Einheit der Christen sowie andere ökumenische Feiern oder Zusammenkünfte vorzubereiten.
- Kontakte zu ökumenischen Institutionen in anderen Ländern herzustellen.
Der Vorsitz des Rates kommt turnusgemäß jeweils für ein Jahr der katholischen Kirche und einer anderen Mitgliedkirche zu. Die Sitzungen finden abwechselnd in den Räumlichkeiten der einzelnen Kirchen statt, die dann jedesmal auch für die Vorbereitung des Gebetes zuständig sind. In den ersten Jahren haben diese Kirchen reihum zu Beginn der Sitzungen auch ihre Geschichte und ihre eigenen Traditionen vorgestellt, so daß es zu einem reichen gegenseitigen Austausch geistlicher Schätze und Erfahrungen kommen konnte.
Mathias Schiltz