Der Richter in uns – hin und wieder träume ich davon, dass ich zu einer Prüfung muss. Oftmals werde ich in Mathematik geprüft. Mathematik, wovon ich noch nie recht viel verstanden habe.
Während die Tage und Stunden bis zur Prüfung vergehen, merke ich, wie es mir immer schlechter geht und ich zunehmend nervöser werde. Ich weiß, egal wie viel ich auch lerne, ich werde es nie ganz verstehen. Ich weiß, jetzt wird es ans Tageslicht kommen, „wie“ dumm ich in Wirklichkeit bin. Bis jetzt konnte ich den Leuten noch etwas vormachen, aber „jetzt“ wird alles enthüllt.
Es ist selten, dass ich es bis zur Prüfung schaffe. In der Regel wache ich vorher auf. Aber das Schlimmste ist auch diese Angst vor der Prüfung – der Gedanke als Dummkopf, als Betrügerin oder was auch immer entlarvt zu werden.
Ob nicht viele Menschen diese Art von Träumen kennen? Wer hat nicht ab und an ein wenig Angst davor durchzufallen, nicht den Anforderungen gerecht zu werden?
Hintergrund ist der Richter in uns, den viele von uns mit sich herumtragen. Die Stimmen, die uns erzählen – du bist nicht gut genug, hier gehörst du nicht hin – oder das hier, das schaffst „du“ doch nicht ...
Irgendetwas im Alltag hat dieses Gefühl wieder hervorgebracht, und dann ist es so weit, wir träumen wieder den Prüfungstraum.
Die Prüfung des Lebens
Dieses Thema kann eine Rolle spielen, wenn man sich fragt, ob man die Prüfung des Lebens besteht oder oder nicht. Fragen wie: Habe ich auch wirklich gelebt, geliebt, genug vom Leben erhalten, habe ich es gut genug gemacht? – solche Fragen können wir uns ab und an stellen.
Es kann der Kranke sein, dem plötzlich klar wird, dass das Leben nicht unendlich ist, sondern ganz im Gegenteil kurz und kostbar. Es kann eine Krise der ein oder anderen Art sein, die die Frage erneut hervorbringt, oder man schaut im letzen Lebensabschnitt, im Alter, zurück auf sein Leben: Was für Umstände haben mein Leben bestimmt und wie bin ich damit umgegangen?
Wenn wir auf diese Art denken, steht im Hintergrund, vielleicht ganz unbewusst, dass es eine Instanz gibt, der wir Rechenschaft ablegen müssen: Wie habe ich das Leben genutzt, das mir gegeben wurde?
Der dänische Psalmendichter Brorson formulierte dies in etwa folgendermaßen:
„Komm Herz, nimm dein Rechenbrett
schreib auf die Tage deines Lebens,
schaue, dass du richtig wahrnimmst
und denke etwas zurück!
Was hast du gemacht die vielen Jahre,
die du auf Erden hast gelebt?
Denke, geborgene Seele, dass alles steht
im Buch des Herrn geschrieben.“
Das Jüngste Gericht
Wenn Jesus vom „jüngsten Gericht“ spricht, „verändert“ er oft die Perspektive bei der Frage bezüglich eines endgültigen Urteils irgendwann in der Zukunft über dein und mein Leben hier und jetzt: Wie lebst du dein Leben „jetzt gerade“ – was machst du aus den Tagen, dem Leben, das dir gegeben wurde?
„Wer mein Wort hört“, sagt Jesus, „der ,hat‘ bereits ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod in das Leben übergegangen.“
Es geht nicht um irgendein Urteil „irgendwann“, aber darum inwieweit du am Leben bist „hier und jetzt“ in deinem Leben – oder ob du wie ein Toter durch deine Tage gehst, vergisst zu leben und da zu sein, vergisst all das, was dich lebendig macht: die Freude, die Verwunderung, der Zusammenhalt.
Es geht nicht darum, wie perfekt dein Leben war. Es geht nicht um Ergebnisse, sondern nur um dieses Einfache: Hast du gelebt, hast du geliebt? Dann „bist“ du schon aus dem Tod in das Leben übergegangen.
An Gottes Gericht!
Aber irgendwann – müssen wir trotzdem fragen: Irgendwann, werden wir dann vor Gottes Gericht gestellt – und wie wird es uns dann wohl ergehen?
Das Evangelium erklärt uns, dass wenn wir zu „dieser“ Prüfung kommen – am letzten Tag in unserem Leben –, geht es nicht um deine oder meine Art, Rechenschaft abzulegen: mit Pluszeichen und Minuszeichen in einem kleinen Buch. Nein – dann geht es um Liebe. Um die Liebe Gottes, die alles sieht, alles weiß und – dich „liebt“, Nachsicht mit dir hat, und dich selbst in seinen Himmel trägt.
Pia Sundboell
Pastorin der dänischen evangelischen Gemeinde in Luxemburg