Schriftzug Conseil d'Eglises
MEMBRES
Kleidung oder Habitus
Der Regard protestant von Volker Strauss (19.3.2017)

Viele sagen: wir brauchen mehr Toleranz, und meinen die Toleranz der Anderen. Aber: wir alle brauchen Toleranz zum Zusammenleben. Ein gutes Wort für Toleranz ist Geduld. Es braucht immer jemanden, der geduldig die derben Schläge im Zusammenleben abfedert, der bei einer Beleidigung weghört, der nicht drängelt, sondern eine Lücke lässt für den eiligen Raser – einfach aus der Ahnung, wie viel Wahnsinn kurz vor dem Ausbruch steht.

Es braucht Courage, den Schläger abzulenken vom Opfer, zu Gunsten der Fremden und Flüchtlinge zu sprechen, wir dürfen uns öffentliche Verharmlosung von Not nicht bieten lassen, dürfen menschenverachtendes Reden im Netz uns und andern nicht durchgehen lassen. Toleranz, und Geduld, das ist eine Frage des Maßes. Meine Freiheit endet kurz vor der Nase des Nächsten. Wie lange lass ich mir die laute Musik vom Nachbarn gefallen? Es gilt Zimmerlautstärke, aber ist das die seiner oder meiner Ohren? Würde er sich über ein Hörgerät freuen? Oder doch vor Gericht gehen und klagen oder lieber fortziehen? Was zu weit geht, geht zu weit. Aber wie weit ist zu weit – das zu verabreden, die gemeinsame Waage erst mal zu bauen, auf der die Beweise gewichtet werden, das ist nötig. Zusammenleben in Familie und Partnerschaft sind lebenslängliches Ausbalancieren von Selbstbehauptung und Hingabe.

Geduld stiftet Raum für verschiedene Sorten der gleichen Art. Aber müssen wir als Christen es uns gefallen lassen, dass bald der Muezzin mit starken Lautsprechern mehrmals zum Gebet in die Moschee ruft? Ich habe mal neben einem mächtigen Glockengeläut gewohnt, es war (für mich) nicht zum aushalten, andere waren es gewohnt und sind geblieben! Die meisten Christen haben das Glockengeläut ihrer Kirchen längst gekürzt und gedämpft. Und jetzt kommen Muslime, die hier sich Heimat bauen nach ihren Maßstäben.

Aber wie sollen wir verbieten, was ihren Vorstellungen nach ihre religiöse Pflicht ist? Man muss miteinander beraten, wie der Wunsch der einen mit dem Wunsch der anderen zu vereinbaren ist, wie die einen zum Gebet gerufen werden können, und die anderen die Freiheit behalten, nicht gerufen zu werden. Schriftliche Einladungen kann man sich verbitten, aber wie verbittet man sich akustische? Ja, man kann sie dämpfen und kürzen. Es bleibt wie bei den Glocken nur eine Lösung, die von allen Seiten Toleranz und Geduld fordert. Genauso mit dem Kopftuch oder der Vollverschleierung. Viele sagen, man solle nicht öffentlich durch Kleidung ein Glaubensbekenntnis vorführen oder ihre religiöse Überzeugung zur Schau stellen. Was ist mit dem Nonnenhabit, was mit dem schwarzem Talar der Pfarrer, und dem weißem Kollar der Priester? Das eine gehört(e) zum Alltag, das andere soll nicht dazugehören? Wir müssen wohl noch mehr Geduld im Umgang mit einander üben – gesetzliche Verbote verletzen nur.

Toleranz ist der kleine Bruder von Güte und Barmherzigkeit: Sehe ich einen, der Geld erbittet, fallen mir sofort ein paar Gründe ein, um mein Geld zu behalten. Dabei ist Bitten und Betteln besser als einfach Nehmen oder Stehlen. Den ehrlichen Bettler zu belohnen für seine Art von ehrlicher Arbeit, von mir Herzenskalten etwas Hilfe loszueisen – das ist Toleranz, Güte und Barmherzigkeit im Alltag.

Der Autor ist Titularpastor der Protestantischen Kirche von Luxemburg.

17. März 2017